Intensivierungsstunden am achtjährigen Gymnasium - erste Erfahrungen

 

Michael Hotz beschreibt in dem Artikel der Lehrerinfo 2/05 Modelle zur Umsetzung von Intensivierungsstunden an Gymnasien.

 

Die Einführung von Intensivierungsstunden stellt die wichtigste Neuerung des achtjährigen Gymnasiums in Bayern dar. Mit großem Engagement, Flexibilität und schulorganisatorischem wie didaktischem Ideenreichtum haben die Schulen diese Chance zur Arbeit in kleineren Lerngruppen ergriffen und eine Vielzahl von Modellen entwickelt, die dem zentralen Gedanken der individuellen Förderung der Schüler entsprechen.

Bei der Umsetzung von Intensivierungsstunden beschreitet jede Schule ihren eigenen, für sie passenden Weg. Dabei sind vielfältige Fragen im Bereich der Schulorganisation zu klären. Dazu gehören u. a. die Aufteilung der Schüler in den Intensivierungsstunden, der Einsatz der Lehrkräfte (Fachlehrer- oder Fremdlehrerprinzip) oder die zeitliche Rhythmisierung. Viele Schulen bieten z.B. ein Modulsystem an, in dem zu jedem Fach verschiedene Kursangebote gemacht werden, aus denen der einzelne Schüler je nach individuellem Lernbedarf wählen kann. Zudem haben die Schüler die Möglichkeit, innerhalb eines Schuljahres zu bestimmten Zeitpunkten die Module zu wechseln und sich (in Absprache mit den Eltern und Lehrkräften) für die Belegung einer anderen Kurskombination zu entscheiden. Diese Einschnitte können zum Halbjahr erfolgen oder das Schuljahr wird in Trimester zu je ca. 10 Wochen eingeteilt. Zusätzlich kann die Schule dabei entscheiden, ob das „Kurs“-Angebot über das gesamte Schuljahr hinweg gleich bleibt oder von Einschnitt zu Einschnitt wechselt. Auch die Umsetzung von Intensivierungsstunden in der unterrichtlichen Praxis stellt hohe Anforderungen an die didaktischen und methodischen Fähigkeiten der Lehrkräfte. Was die langfristige Organisation und Strukturierung des Unterrichts anbelangt, werden in der Praxis verschiedene Modelle angewandt, von denen drei genannt seien:

• Im so genannten Bedarfsmodell nimmt die Lehrkraft den jeweiligen Lernfortschritt innerhalb der Kleingruppe in den Blick und entscheidet für jede Intensivierungsstunde neu, welche inhaltlichen Schwerpunkte gesetzt werden. Dies ermöglicht ein flexibles Eingehen auf die momentane Lernsituation des einzelnen Schülers.

• Im Bausteinmodell entwickelt die Lehrkraft einzelne Unterrichtseinheiten zu bestimmten Stoffschwerpunkten des Schuljahres, die dann zum entsprechenden Zeitpunkt gehalten werden. In den Phasen zwischen den Unterrichtsbausteinen reagiert die Lehrkraft in jeder Intensivierungsstunde auf die aktuelle Lernsituation.

• Beim Rondomodell schließlich wechseln sich Stunden, in denen gezielt auf aktuelle Problemfelder eingegangen und intensiv geübt wird, mit Stunden ab, die den Fokus auf die Einübung fachspezifischer Kompetenzen und Kenntnisse legen. Der erstgenannte Stundentyp bildet eine Art Rahmen, während der letztgenannte mit unterschiedlichen Inhalten und Methoden gefüllt werden kann. So entsteht eine Abfolge von Stunden nach dem Rondo-Muster ABACADA...

Intensivierungsstunden erfordern gezielt ausgewählte Inhalte und die jeweils dazu passenden Methoden. Dafür steht den Lehrkräften ein Repertoire an Konzepten zur Verfügung: Unterrichts- und Sozialformen wie Partner- und Gruppenarbeit, Schüler helfen Schülern, Projektarbeit, szenisches Spiel, Expertengruppen, Lernspiele, Wochenlernplan, Portfolio u. v. m. erlauben den Lehrkräften ein gezieltes Eingehen auf die Bedürfnisse der Schüler. Dies gilt in besonderem Maße im Bereich der Differenzierung zwischen leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Schülern. Häufig zeigt sich die Gefahr eines „Auseinandergehens der Leistungsschere“. Maßnahmen der Binnendifferenzierung können hierbei helfen. Durch den Einsatz der Methode „Schüler helfen Schülern“ können darüber hinaus zusätzliche Kompetenzen, insbesondere Sozialkompetenz, vermittelt werden. Da der Intensivierungsunterricht ohne Benotung erfolgt und oftmals von Lehrern gehalten wird, die ansonsten nicht in der Klasse unterrichten, kommt es bisweilen zu Problemen in der Unterrichtsdisziplin. Dies erfordert eine pädagogische Reaktion von Seiten der Lehrkräfte bzw. der Schule, die z. B. in einem Wechsel hin zum Fachlehrerprinzip oder einer angepassten Wahl der Unterrichtsmethoden bestehen kann. Abgesehen von solchen Problemen zeichnen sich die Intensivierungsstunden jedoch durch eine angenehme und gleichzeitig effektive Lernatmosphäre aus; sie scheinen auch wesentlich zu einem erhöhten Unterrichtserfolg beizutragen. Nicht zuletzt dadurch finden die Intensivierungsstunden bei Schülern, Lehrern wie Eltern eine große Akzeptanz und werden als ein wichtiger Bestandteil des achtjährigen Gymnasiums angesehen.

Text: Michael Hotz, Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München
Kontakt:michael.hotz@isb.bayern.de

Am ISB wurde die Handreichung „Intensivierungsstunden am achtjährigen Gymnasium in Bayern“ erarbeitet. Sie finden diese auch im Internet: www.isb.bayern.de

Der Artikel erschien in gedruckter Form in der Lehrerinfo 2/05.