Mehr als Toleranz
Woche der Brüderlichkeit: Karl-Josef Kuschel im HLG
VON SABINE REMPE
Toleranz ist erst der Anfang. Das Miteinander von Juden, Muslimen und Christen
sollte von gegenseitiger Anerkennung geprägt sein, forderte gestern der Tübinger
Theologe Karl-Josef Kuschel bei einem Festakt zur Woche der Brüderlichkeit im
Helene-Lange Gymnasium.
FÜRTH — Was er betreibe, erklärte Karl-Josef Kuschel seinen Zuhörern, sei auch
ein „Stück Kulturarchäologie“. Zum Ausgangspunkt seiner Suche knöpfte er sich
die Ringparabel aus Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ vor. Die
Geschichte vom Ring, den ein Vater der Tradition gemäß dem Sohn vererbt, den er
am meisten liebt, werde nicht selten als Resultat der Aufklärung, geprägt vom
Christentum in Europa, dargestellt. Das sei in allen Punkten schlichtweg falsch.
Kuschel wies in seinem Vortrag nach, dass es vergleichbare „Toleranzgeschichten“
gibt, die entschieden älter sind und aus der Welt des Islam beziehungsweise des
Judentums stammen.
Bis ins Bagdad des 10. Jahrhundert blickte der 61-Jährige zurück und nahm die
Spur auf, die in Lessings Parabel mündete, einem Werk, das wie kein anderes in
der gesamten deutschen Literatur das Konfliktpotential zwischen den Religionen
im Blick hat und gleichzeitig das Model einer Versöhnbarkeit zwischen Juden,
Muslimen und Christen anbietet. Kuschel ist akademischer Direktor für Theologie
der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Katholisch-Theologischen
Fakultät sowie stellvertretender Direktor des Instituts für Ökumenische
Forschung der Universität Tübingen. Zu seinen Veröffentlichungen zählt unter
anderem „Streit um Abraham: Was Juden, Christen und Muslime trennt – und was sie
eint“.
Zu Beginn des Festakts hatte Klaus Neunhoeffer, stellvertretender Schulleiter,
die Gäste aus Politik, Gesellschaft und Kultur sowie Schüler der Oberstufe
begrüßt. Das Motto der Woche der Brüderlichkeit, das in diesem Jahr „Verlorene
Maßstäbe“ heißt, weise auf Leerstellen hin, die es wieder sinnvoll zu füllen
gelte. Brüderlichkeit könne ein solcher Maßstab sein, den es neu zu entdecken
gelte.
Lob der Beharrlichkeit
Oberbürgermeister Thomas Jung, Schirmherr der Woche, machte klar, dass er immer
wieder aufs Neue erkenne, wie viel die Stadt Fürth ihren jüdischen Mitbürgern zu
verdanken habe. Das sei auch beim anstehenden 175. Eisenbahnjubiläum nicht
anders. Dieses Projekt sei von Bürgern initiiert worden, von denen viele
mosaischen Glaubens gewesen seien. Zu seinem größten Missfallen wachse derzeit
wieder die Zahl derer, die versuchten, NS-Gedankengut zu propagieren. Der OB
versicherte: „Man sollte aber niemanden aufgeben und beharrlich die Vorzüge der
Demokratie und der Brüderlichkeit aufzeigen.“ Einen wichtigen Beitrag zum
gegenseitigen Verständnis nannte Rabbiner Shlomo A. Wurmser von der
israelitischen Kultusgemeinde Fürth diese Woche der Informationen und
Begegnungen. Sie trage dazu bei, Frieden zwischen den Religionen zu stiften.
Eine „zunehmende Verrohung der Gesellschaft“ bedauerte Dekan Georg Dittrich, der
im Namen der christlichen Dekanate Fürths sprach. Es sei höchste Zeit, die
Gemeinsamkeiten der drei großen Glaubensrichtungen zu betonen und die „Werte,
für die wir alle stehen“. Dittrich regte an, dass sich Imame, Rabbi, Dekane und
„andere kompetente Menschen“ in Fürth regelmäßig zu weiterführenden Gesprächen
an einen Tisch setzen.
Die Feier wurde begleitet vom Streichorchester des Helene-Lange-Gymnasiums und
seiner Solistin Anna Strattner. Berührend sang Bella Rosenkranz, begleitet von
Pianist Thomas Fink, von „Mayn Städtele Belz“. Anna Waidhas (K 12), Trägerin des
Josef-Peter-Kleinert-Preises 2009, begleitete sich selbst an der Gitarre zu „Dona,
dona“. Ihre Interpretation des Liedes von Shalom Secunda sei allein schon Grund
genug gewesen, nach Fürth zu kommen, lobte Karl-Josef Kuschel. Er beschloss
seine Ausführungen mit der Aufforderung, Lessings Ringparabel nicht als
„Geschichte von anno dazumal“ abzutun. Sie sei „kein Toleranzstück“, sondern
weit mehr als das: „Es geht um die Anerkennung des jeweils Anderen und um das
Bewusstsein, dass man aus jeder Religion mit ,mit Sanftmut, mit herzlicher
Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott‘ zur
vorurteilsfreien Liebe gelangen kann.“

Analysierte Lessings berühmte Ringparabel: Festredner Karl-Josef Kuschel aus
Tübingen. Foto: Mark Johnston