Großer Ausverkauf in Amazonien
Gast aus Peru berichtet vor Fürther Gymnasiasten über entsetzlichen Raubbau


 FÜRTH — Dem südamerikanischen Staat Peru ging es 2009 besser als im Vorjahr, an den Armen jedoch ging der Aufschwung aber vorbei. Bischof José Luis Astigarraga Lizarralde aus dem peruanischen Amazonien schilderte vor Schülerinnen und Schülern im Helene-Lange-Gymnasium, wer dort gewinnt und wen die Entwicklung im ehemaligen Land der Inkas bedroht. Vielfacher Verlierer: der Regenwald.
 

Der im spanischen Baskenland ge­borene Bischof, den die Fastenaktion „Misereor“ unterstützt, drückt es einfach aus: „Die peruanische Regierung hat das Amazonasgebiet auf dem freien Markt angeboten“. Was das für 60 Prozent der Fläche Perus bedeutet, sind nicht nur Flüsse, die wegen der schrankenlosen Goldwäsche mit Quecksilber-Einsatz verseuchtes Wasser führen und die am Ufer lebende Bevölkerung hochgradig verseuchen.
Es sind auch riesige Wälder, deren Holz für den Export radikal gefällt wird — drei Monate später „entsorgt“ man den inzwischen trockenen Rest durch einfaches Anzünden. Aufforstung? Fehlanzeige. Das Ganze kostet die ausländischen Käufer sechs US-Dollar Kaufpreis pro Hektar, immerhin 10000 Quadratmeter. Die Gesetze sind eigentlich dagegen.
Die Regierung in der Neunmillionenmetropole Lima hat natürlich das eine oder andere Gesetz erlassen, das gegen die geschilderte Vorgehensweise spricht, aber vor Ort kümmert sich niemand darum. Bewohner, deren Siedlungen einem eventuellen Geländebedarf im Wege sind, werden einfach vertrieben.
 

Die Ausbeutung der anderen Bodenschätze wie Gas oder Öl geht nach ähnlichem Prinzip vor sich: entscheidend ist der Wert, der erzielt werden kann. Und Besitzrechte der indigenen Bevölkerung sind in einem Land leicht zu missachten, das als Basis für Grundbesitz auf Weltraumfotos setzt. Von ganz oben sind kleine Grundstücke eben so schlecht zu erkennen, einzelne Siedler der letzten 20 Jahre tauchen dort nicht auf.
Derart widrige aktuelle Probleme sind auch durch den Blick in die Zukunft nicht leichter zu ertragen. Der Staat Peru huldigt einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Das bedeutet große Projekte wie Autobahnen, Stauseen und neue Häfen. Geplant wird nach der Zielsetzung meist ausländischer Investoren, was noch einige tausend Häuser in Seen verschwinden lassen wird. Nachbarländer, die dagegen protestieren, sind nicht zu erkennen. Die Präsidenten von Peru und Brasilien sind sich bei großen Plänen einig.
Bischof Astigarraga ist da eher skeptisch. Nur Druck auf die peruanische Regierung, die Rechte der indigenen Bevölkerung besser zu beachten, könnte etwas erreichen. Aber wer soll ihn ausüben? Ob Briefe aus Fürth nach Lima etwas bewegen können, müsste sich erst noch herausstellen.
 

In der anschließenden Diskussion wurden auch Gegenbewegungen wie der früher im Untergrund aktive „Leuchtende Pfad“ zitiert, der seinen Einfluss aber offenbar verloren hat. Es gibt im Land zwar noch Bauarbeiter, die zu Gunsten der Bauern gegen Enteignung protestierten. Die Initiatoren des aktuellen „Aufstands in Amazonien“, darunter eine Reihe von Missionaren und die Kirche, bekamen kein Echo für ihre Vorschläge zum Schutz der Bevölkerung, sondern nur Strafanzeigen.
EDUARD HELLDÖRDFER



Bischof José Luis Astigarraga Lizarralde aus dem peruanischen Amazonien prangert im Helene-Lange-Gymnasium den rücksichtslosen Umgang mit der Natur und den Ureinwohnern an.
Foto: Hans–Joachim Winckler