Zeitzeuge Ernst Grube berichtete am Helene-Lange-Gymnasium eindringlich von der Verfolgung unter den Nazis
VON HANS-JOACHIM WINCKLER
Mit erschütternden Schilderungen verschaffte der Zeitzeuge Ernst Grube Acht-
und Neuntklässlern des Helene-Lange-Gymnasiums einen Eindruck von der
Unmenschlichkeit und Zerstörungswut der Nationalsozialisten. Eingeladen hat
den 77-Jährigen die Arbeitsgemeinschaft „Schule gegen Rassismus“.
FÜRTH — Als Fünfjähriger musste Ernst
Grube mit eigenen Augen ansehen, wie die Nazis die Münchner Synagoge
zerstören. „Wir wohnten direkt daneben, und kaum einer aus der Bevölkerung
nahm davon Notiz.“ Auch aus dieser Erfahrung heraus meint Grube, der bereits
zum Fürther Gedenken an die Reichspogromnacht im letzten Jahr und auch bei der
Demo gegen Neonazis am 19. Dezember sprach: „Wir dürfen nicht müde werden,
von diesen Gräueltaten zu berichten.“ Einen Tag vor der Reichspogromnacht
1938 brachten ihn die verzweifelten Eltern mit Bruder und Schwester ins
jüdische Waisenhaus nach Schwabing. Dort erfuhr er, was es heißt, ständigen
Ausgrenzungen und Pöbeleien ausgesetzt zu sein. „Was meint ihr, wie es einem
geht, wenn man ständig diskriminiert wird?“, fragte Grube in die Runde. „Der
Judenstern gehörte zu den perfidesten Maßnahmen der Nazis.“ Von den 46
Kindern, mit denen Grube damals im Waisenhaus untergebracht war, überlebten
nur wenige Hitlers Rassenwahn. Er musste miterleben, wie immer mehr seiner
Freunde deportiert und dann ermordet wurden. Die Tatsache, dass sein Vater
kein Jude war, bewahrte Grubes Familie zunächst vor dem gleichen Schicksal.
Im Februar 1945, also kurz vor Kriegsende, wurde die Mutter mit ihren Kindern
aber schließlich doch noch ins Konzentrationslager Theresienstadt
transportiert. „Wir hatten auch Hunger, aber einfach unerträglich war die
ständige Angst davor, was morgen sein wird, ob wir das Lager überhaupt
überleben werden“, erzählte Grube den gebannt lauschenden Schülern mit
eindringlicher Stimme.
Sehnsucht nach Schule
Nach der Befreiung durch die Rote Armee und seiner Rückkehr nach München
konnte der damals Zwölfjährige auch endlich die Schule besuchen. „Wenn man
nicht lernen darf und wenn man sieht, wie die anderen das dürfen, dann wird
Schule zur Sehnsucht,“ gab Grube den Neuntklässlern mit auf den Weg.
Und noch eines musste er bitter erfahren: Als sie nach dem Krieg ihre
Geschichte erzählen wollten, gab es kaum jemanden, der ihm und seinem Bruder
zuhören wollte. „Eure Großeltern interessierten sich gar nicht dafür, wie es
in den Lagern zuging.“ Vielleicht hat ihn gerade diese Erkenntnis darin
bestärkt, sich bis heute unermüdlich „dafür einzusetzen, dass es zu keiner
Ausgrenzung mehr kommt“.
Auf die Frage eines Schülers, was in ihm vorgeht, wenn er erlebt, dass die
Neonazis die Judenverfolgung im „Dritten Reich“ verharmlosen, antwortete Grube
ohne Umschweife: „Freunde, ich habe eine Wut. Aber nicht nur über das
Auftreten der Neonazis, auch darüber, wie der Staat es zulassen kann, dass die
Neonazis ihr Gedankengut überhaupt unter die Leute bringen dürfen.“

„Was meint ihr, wie es einem geht, wenn man ständig
diskriminiert wird?“ Ernst Grube schildert den Schülerinnen und Schülern am
HLG seine Erlebnisse als jüdisches Kind im Nationalsozialismus.
Foto: Winckler